
Wenn die Blase brennt, kommt die Blasenfeuerwehr und verpasst Dir einen Blüteneinlauf!
PS: Hier ist der angekündigte zweite Teil meiner Berlin-Abenteuer: Rap-Battle im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus


Wenn die Blase brennt, kommt die Blasenfeuerwehr und verpasst Dir einen Blüteneinlauf!
PS: Hier ist der angekündigte zweite Teil meiner Berlin-Abenteuer: Rap-Battle im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus
Sorry, habe diesen Beitrag vor ein paar Jahren online gestellt, er war aber nicht mehr zugänglich. Weil ich ihn gerade in einer Facebook-Verlinkung einer Sascha-Lobo-Kolumne verlinken wollte, poste ich ihn nochmal als normalen Beitrag.
(Ausschnitt aus einer unveröffentlichten SF-Erzählung. Hier gepostet zur Illustration des Artikels: Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen.)
Die Daten sind da. Es gibt kein Zurück. Wir müssen uns entscheiden, wem sie gehören sollen – einer kleinen Elite oder allen.
(F.L., 2016)
Der private Raum wurde immer kleiner, was einerseits an der wachsenden staatliche Überwachung, andererseits an der freiwilligen Preisgabe von intimen Informationen im Web 2.0 lag. Mit der massenhaften Verbreitung von Video- und Kamerabrillen, für die sich bald die Bezeichnung „Visor“ durchsetzte, war das Ende der Privatsphäre so gut wie besiegelt. Äußerlich kaum von einer normalen Sonnenbrille zu unterscheiden, konnten sie mehrere Stunden Video aus der Ego-Perspektive aufzeichnen. Ursprünglich für die unkomplizierte Dokumentation des Urlaubs gedacht, wurde die Brille für viele Nutzer zu einem unverzichtbaren Alltagsgegenstand. Bald standen Geräte zur Verfügung, die den Videostream live ins Netz übertrugen.
Das Problem lag auf der Hand: Wer sein Leben veröffentlichte, veröffentlichte auch das seines sozialen Umfelds.
Viele Jugendliche stellten ihr gesamtes Leben ins Internet. Höchstens auf der Toilette, beim Sex oder wenn sie Straftaten begingen, schalteten sie die Übertragung ab – manche auch dann nicht.
DasPortal „Little Big Brothers“ wurde zum Zentrum der Visor-Community.
Little Big Brothers erlaubte es nicht nur, die Beiträge von Mitgliedern zu bewerten, sondern die User selbst, ihre soziale Kompetenz, ihre Intelligenz, ihr Aussehen, ihre Qualitäten im Bett etc. Tauchte ein anderes Community-Mitglied im Blickwinkel des eigenen Visors auf, wurde ein Link in das Realbild eingespiegelt, den man durch Doppelblinzeln aktivieren konnte, um auf das Profil und alle öffentlichen Daten des anderen zuzugreifen. Das Gegenüber wiederum wurde über diese Aktion informiert.
Mit einer Gesichtserkennungssoftware und der von Usern angelegten „Population Data Base“, konnten auch Nichtmitglieder erkannt und bewertet werden.
Es kam zu Gewalttätigkeiten gegen Personen, die Aufzeichnungsgeräte trugen. Dutzende, vielleicht Hunderte Menschen begingen Selbstmord, nachdem sie von der „Little Big Brotherhood“ wegen Nichtigkeiten mit Häme oder schlechten Bewertungen überschüttet worden waren. Wer nicht paranoid war, galt als geisteskrank.
Doch die Situation normalisierte sich – auch wenn das Wort „normal“ in diesem Zusammenhang vielen Menschen so passend erschien wie die Kombination „gemütlich“ und Zahnschmerzen.
Grund waren Rückkopplungseffekte, die teilweise in die Software integriert waren, teilweise aus der sozialen Interaktion resultierten. Wer mobbte, beleidigte, schlecht bewertete, schadete über kurz oder lang seinem eigenen Ansehen. Kooperation und soziale Kompetenz hingegen zahlten sich aus.
Enthusiasten feierten die Little Big Brotherhood als sich selbst regulierende anarchistische Gemeinschaft und Vorbild für die ganze Menschheit. Kritiker sprachen von der „Selbsteinweisung einer verlorenen Generation in die digitale Besserungsanstalt“ – und gingen anschließend selbst online, um ihre neuesten Bewertungen abzurufen oder mit einer Kamerafliege dem Partner nachzuspionieren.
Lange versuchte man, die Gesetze und Normen der Prä-Netz-Ära zu erhalten. Im Alltag war der freie Austausch von Informationen längst Realität – ob es sich dabei um Musik, Software oder Privates handelte. Wäre man ernsthaft dagegen vorgegangen, hätte man die halbe Bevölkerung vor Gericht stellen müssen. Die meisten Menschen konnten nicht einmal mehr einschätzen, wann sie Persönlichkeits-, Marken- oder Vervielfältigungsrechte verletzten.
Soviel Berlin! Ich bin schon wieder hingefahren. Letzte Woche war es ein Privatausflug, der natürlich trotzdem dem Ziel diente, die Achse Bayreuth-Berlin zu stärken, in dem ich in Berlin in meinen Geburtstag hinein- und in Bayreuth aus ihm hinausfeierte. Diesmal war ich in hochoffizieller Mission unterwegs: Als Berliner, der derzeit in Bayreuth lebt, fuhr ich von Bayreuth nach Berlin, um in der Bayrischen Landesvertretung an einer Veranstaltung über Jean Paul, einen aus dem preußischen Oberfranken stammenden Dichter, der in Berlin geheiratet hat und dann nach Bayreuth gezogen ist, teilzunehmen.
Es gab für mich auf dieser Reise viele Premieren, vieles zu lernen, zu erleben und zu bestaunen. Das fing schon an mit dem Bus, der uns nach Berlin brachte:
Ich hatte die Fahrzeuge dieses Unternehmens neulich schon bestaunt. Es ist schon ein Vorteil, wenn man als Unternehmer einen griffigen Namen hat. „Bustouristik Strübing“ wäre nicht besonders einprägsam, und auch ein Explosionsblitz im Logo hätte daran nichts geändert. Andererseits können natürlich auch griffige Namen problematisch sein. Unterwegs sah ich zum Beispiel einen Bus von Brust-Busreisen, was man sich ebenfalls gut merken kann, aber trotzdem ein irgendwie unangenehmer Name ist. Brüste sind zwar deutlich erfreulicher und nützlicher als Kriege, aber „Brust“ ist ein sehr hässliches Wort. Vor allem in Zusammensetzungen: Brust-Tee, Brust-Karamellen usw., das klingt alles sofort nach Auswurf, Schleim und Husten. Hmm, gerade fällt mir auf, dass „Krieg“ nun auch nicht gerade ein schönes Wort ist, aber als Busaufdruck macht es schon was her.
In Berlin stieg eine Reiseführerin zu, und ich kam in den Genuss, mir meine Heimatstadt endlich einmal zeigen und erklären zu lassen. Leider konnte ich nur die ersten zwanzig Minuten der Stadtrundfahrt mitmachen, aber schon da gab es jede Menge Neues. Zum Beispiel erfuhr ich wieder mal, wie der Berliner Volksmund dieses oder jenes Gebäude angeblich nennt – als Berliner weiß man das ja normalerweise nicht. Ich nenne das jetzt mal „Reiseführerpoesie“. Und die Besucher der Stadt wären sicher enttäuscht, wenn sie wüssten, dass wir zur Gedächtniskirche einfach Gedächtniskirche sagen.
Dank der Tour habe ich das erste Mal das Holocaust-Mahnmal gesehen; man muss eben erst nach Bayreuth ziehen, wenn man Berlin kennenlernen möchte. Für den Freitag stand auch noch ein Besuch im Reichstag auf dem Programm; super, da war ich auch noch nicht!
Wir kurvten also mit unserem Bus, auf dem ganz groß „Krieg“ stand um das Mahnmal. Dieses schien, dem Gemurmel im Bus nach zu urteilen, bei den meisten nicht besonders gut anzukommen. Ich selbst kann gar nicht sagen, wie ich es finde. Sagen wir es so: Ich finde es nicht. Nicht „nicht gut“ und nicht „nicht schlecht“, sondern einfach nicht. Nicht schön und nicht hässlich, weder besonders angemessen, noch unangemessen. Ich finde es auf alle Fälle besser, als den Bayreuther Gedenkstein für die von den Nazis deportierten und ermordeten Sinti:
Als ich ihn zufällig entdeckte, fragte ich mich, wie damals wohl die Sitzung im Rathaus gelaufen war. „Hm, ich finde, Bayreuth bräuchte noch so’n Gedenkstein für die ermordeten Sinti.“ – „Super Idee! Ich weiß auch schon ne Stelle hinterm Bahnhof, wo er nicht weiter stört!“
Na gut, das war ziemlich ungerecht. Und lag wohl an meiner eigenen langen Leitung: Es hatte etwas gedauert, bis ich kapierte, dass es ja durchaus sinnvoll ist, in Bahnhofsnähe an die Deportationen zu erinnern. Wie sinnvoll solche Gedenksteine generell sind, ist eine andere Frage und damit zurück zum Holocaustmahnmal, dessen Sinn ja auch sehr kontrovers diskutiert wurde. Beim langsamen Vorbeifahren war zu beobachten, dass es gerne zum Picknicken und Versteckspielen genutzt wird. Die Reiseführerin erklärte, es fordere die Besucher auf, sich ihre eigenen Gedanken zu machen, statt ihnen irgendwas aufzudrücken.
„Die sehn aber ned aus, als würden ‘s nachdenken!“, rief eine Mitreisende und zeigte aus dem Fenster auf die Stelen, auf denen sonnenbebrillte Hostelhonks mit Club-Mate-Flaschen in den Händen sich die Sonne auf den verkaterten Schädel scheinen ließen. Ich musste dem zustimmen, fand es aber eigentlich gar nicht schlimm oder schrecklich pietätlos. Vielleicht taugt es nicht als „Mahnmal“, aber dem Schrecken einen lebendigen Ort mit lachenden Menschen entgegenzusetzen, finde ich nicht gar nicht so schlecht. (Wobei ich wohl eher Bäume gepflanzt hätte, als diese Steine aufzustellen.) Als Ergänzung zu echten Orten des Erinnern zumindest. Es ist ja ohnehin kaum vorstellbar, dass sich echte Betroffenheit einstellt, wenn man Touristengruppen zwischen Mittagessen und Kuhdammshoppingbummel durch ein Denkmal scheucht.
Ich wartete jedenfalls gespannt darauf, was „wir Berliner“ laut Reiseführerin angeblich zum Holocaust-Mahnmal sagen („Bermuda-Viereck“? „Hitlers letzte Rache“? „Mahnmal des verlorengegangen Touristen“?), aber da kam leider nichts.
Ich desertierte zwischenzeitlich von der Truppe (wie komm ich denn auf einmal auf diese Kriegsmetapher?) und fuhr in meine Pankower Wohnung, um mal zu gucken, ob sie noch da ist. Am Abend trafen wir uns alle wieder in der Bayrischen Landesvertretung in der Behrenstraße zu einem Jean-Paul-Abend. Eingeladen hatte Hartmut Koschyk von der CSU in Bayreuth, Parlamentarischer Staatssekräter im Bundesfinanzministerium und erst das zweite Mitglied des Bundestages, das ich je kennengelernt habe. Ich hoffe, es stört ihn nicht, damit jetzt sozusagen in einer Reihe zu stehen mit Claudia Roth, die ich einst in Augsburg auf der After-Show-Party eines Slams zum Thema Brecht traf. (Promimäßig war das mein bisher erfolgreichster Abend, da war nämlich auch Udo Jürgens, und wir haben immerhin 11 Worte oder so gewechselt.)
Die Details der Veranstaltung kann man hier nachlesen, da gibt es auch ein Foto von Hartmut Koschyk und mir, auf dem ich sehr staatstragend aussehe, wie ich finde. Eine Freundin meinte, ich sähe „leidend“ aus, aber das ist nicht richtig. Bei solchen Veranstaltungen ist die Leidensgefahr ja immer sehr hoch, aber das hat scho bassd (ich habe mich extra für diesen Satz über die Perfekt-Form von „bassd scho“ informiert). Es gab sehr schöne Musik, kurze Gesprächsrunden, drei Ausschnitte aus Jean-Paul-Werken, vorgetragen von Hans Jürgen Schatz, ich erfuhr auch noch etwas über den Bayreuther Volksmund, der Jean Paul „Dschiens Paul“ nennt, und erlebte eine große Überraschung: Die geplante Veranstaltungszeit wurde kaum überschritten.

(Dieses Bild hat mit dem Text gar nichts zu tun, außerdem habe ich es in Bayreuth aufgenommen. Ich fand bloß, dass es mal wieder Zeit für eine kleine Bildoase in dieser Textwüste wurde. Und in Berlin hab ich diesmal kaum fotografiert.)
Normalerweise sind ja solche Sachen, insbesondere wenn sie minutengenau durchgeplant sind, wie große Bauprojekte, nur dass bei den Veranstaltungen nur der Zeitrahmen explodiert, bei den Bauprojekten sowohl der Zeitrahmen als auch die Kosten, und jedesmal aufs Neue sind Bauherren oder Veranstalter vollkommen überrascht davon.
Hier blieb es tatsächlich bei zwei Stunden. Nun sind natürlich zwei Stunden an sich schon ziemlich lang. Ich bin ja langsam in dem Alter, wo man dauernd auf die Uhr schaut, weil man vor dem Tod noch was erledigen will, und die Zeit langsam knapp wird. Ich bin ein großer Freund des 90-Minuten-Zeitrahmens, der leider immer mehr aus der Mode kommt.
Manchmal möchte ich ins Kino gehen, aber wenn ich die Längenangaben der Filme lese, habe ich gleich keine Lust mehr. Wann haben Hollywood-Regisseure eigentlich verlernt, eine Geschichte in anderthalb Stunden zu erzählen? Es mag ja Filme geben die zwei oder drei Stunden dauern müssen, aber meistens geht man doch mit wundgesessenem Hintern aus dem Kino und wünscht sich, sie hätten einfach die langweiligen, überflüssigen Stellen weggelassen. Und wenn der Film dann nur noch 20 Minuten gedauert hätte! So hätte man wenigstens nicht unnötig Lebenszeit an einen Regisseur verschwendet, der einfach nicht zu Potte kommt. Ich wäre mittlerweile bereit, im Kino statt dem Überlängenzuschlag einen Normallängenzuschlag zu bezahlen, wenn ich dafür nur … aber ich schweife ein bisschen ab.
(Und noch ein zusammenhangloses Bayreuth-Foto zum Augenausruhen für alle, die bis hierher durchgehalten haben.)
Unbedingt erwähnen und über alle Maßen loben muss ich die Pellkartoffeln die es anschließend im Bierkeller der Bayrischen Botschaft gab. Der Hammer. Ich wusste zwar, dass man bei Pellkartoffeln nicht viel falsch machen kann, aber dass man soviel richtig machen kann, war mir neu. Dazu Jean-Paul-Bier und Frankenwein – super.
Fortsetzung folgt (Arbeitstitel: „Battlerap im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus“)
Ein längerer Aufenthalt fern von zuhaus lässt einen auch die eigene Heimat mit anderen Augen sehen. Mir ging es jedenfalls so, als ich letztes Wochenende das erste Mal nach mehr als zwei Monaten nach Berlin fuhr. Ich war wirklich überrascht, wie laut und wie hektisch mir alles vorkam. Und vor allem: wie schrabbelig. Des weiteren war ich überrascht, dass ich so überrascht war; ich kenne das doch alles! Die Baustellen, den Müll, die dicken Schichten aus zerfetzten Plakaten oder „Hund entlaufen/Wohnung gesucht/Erleuchtung garantiert“-Zetteln an Häuserwänden und Straßenlaternen. Ein Bekannter antwortete einmal auf die Frage, was für ihn typisch Berlinerisch sei: „Die ‘Gehwegschäden’-Schilder“. Als Berliner nimmt man sie kaum noch wahr, eher würde einem ihr Fehlen auffallen.
(Berlin-Neulinge benötigen meist etwas Zeit und mehrere Stolperunfälle, bis sie aus mehreren halb überklebten Schildern das Wort “Gehwegschäden” zusammengesetzt haben.)
Ich glaube, Berliner Ampeln, Laternen und Straßenschilder werden schon ab Werk standardmäßig mit einem „Gehwegschäden“-Schild ausgeliefert, als Sonderausstattung kommt dann gerne noch der große Bruder „Straßenschäden“ dazu. Bei wirklich schlimmen Gehwegschäden schmeißt man zusätzlich noch einen rotweiß gestreiften Warnömmel ins Loch und fertig ist der Lack.
Das ist allemal billiger als die Behebung der Schäden, und ich frage mich ernsthaft, warum man nicht beim BER auch nach dieser Methode vorgegangen ist: Einfach ein paar Brandschutzmängel-, Gepäckrückgabeunterkapazitäts- und Rollbahnschädenschilder gedruckt und er hätte termingerecht eröffnet werden können!
Bayreuth scheint meine Schmutz- und Lärmtoleranz etwas gesenkt zu haben; ich hatte nicht erwartet, dass mir das so sehr auffallen würde, zumal ja Bayreuth auch keine klinisch-sterile Stadt ist und ich in Berlin nicht einmal in den berühmten Problembezirken unterwegs war, sondern nur im beschaulichen Pankow und der Yuppie-Hipster-Parallelgesellschaft Prenzlauer Berg.
Wenn ich sonst nach längerer Abwesenheit nach Berlin heimkehrte, kam ich meist aus Orten, gegen die Berlin eine Oase der Ruhe ist, in der alles perfekt funktioniert; ja, die Wahrnehmung der Heimatstadt variiert deutlich, je nachdem, ob man aus Bayreuth oder Beirut zurück kommt.
Ich glaube und hoffe aber nicht, dass ich jetzt dauerhaft für die Großstadt verdorben bin. Man ist ja sehr anpassungsfähig. So wie ich mich in Bayreuth doch recht schnell an das Glockenläuten der Stadtkirche und den morgendlichen Lieferverkehr in der Sophienstraße gewöhnt habe.
Am meisten schockiert hat mich in Berlin eigentlich das Verschwinden der Baustelle auf der Kreuzung Stargader / Greifenhagener Straße, der Ecke, an der auch eins meiner liebsten Schreib-Cafés. Diese Baustelle war doch höchsten zwei oder Jahre alt! Die einzige Erklärung ist, dass man sie abgebaut hat, um sie auf irgendeiner Tourismusmesse in Abu Dhabi oder so als ein Stück „echtes Berlin“ zu präsentieren.
Wenn ich im Juli zurückkomme, ist sie sicher wieder da. Es war doch auch eine Win-Win-Situation: Den Bauarbeitern ging die Arbeit sicher viel angenehmer von der Hand, wenn sie dabei einem faulen Kaffeehausliteraten die Ruhe rauben konnten, und ich hatte stets eine Ausrede zur Hand, wenn mir nichts eingefallen ist.
Ich hab Mist gebaut mit meinen Terminen. Ich bin leider morgen (Freitag) nicht beim Bastard Slam. Das einzige, was mich tröstet, ist das Wissen, dass das Line up so toll ist, dass das gar nichts ausmacht.

(Termine verbummeln ist peinlich, darum gucke ich gerade genauso betreten wie diese Mauer auf dem Gelände der Uni Bayreuth.)
Nächste Woche komme ich das erste Mal seit zwei Monaten nach Berlin zurück, trete am Freitag, dem 19. beim Bastard-Slam im Ritter Butzke als Featured Poet auf, schaue mal nach dem rechten und schnuppere ein bisschen Berliner Luft.

(Ach ja, Berlin, Dein freundliches Antlitz …)
Das ist dringend nötig, denn ich werde hier in Oberfranken offenbar langsam verrückt: Ich habe inzwischen schon das zweite Fußballspiel angeguckt. Das erste war ja noch entschuldbar: Es war ein Spiel der Bayreuther SpVgg in einem Bayreuther Stadion, und als Stadtschreiber ist es doch meine Aufgabe, alle Aspekte der Stadt zu erleben, um darüber schreiben zu können. Einen Spielbericht mit eher anthropologischem Ansatz gibt es hier: Der Schiri is a Semmel.
Vorgestern habe ich mir aber ein „richtiges“ Spiel angeguckt, also eins, das im Fernsehen stattfand. Mit Bayern München. Es ging wohl um irgendwas. Halbfinaleinzug im Kampf um irgeneinen Pokal, wahrscheinlich den goldenen umgekippten Reissack.
Ich sah das Spiel zusammen mit einigen Fußballenthusiasten (vorsichtig ausgedrückt), die mich aufgrund einiger Bemerkungen schnell als in sportlicher Hinsicht unmusikalisch abstempelten. Zum Beispiel bemängelte ich, dass die Fernsehkameras nach der Halbzeit nicht einfach auf die andere Seite des Stadions umgezogen sind. So eine einfache Maßnahme, die soviel unnötige Verwirrung vermeiden würde. Ich meine, das ist doch nervig, dass man sich auf einmal freuen soll, wenn der Ball in die andere Richtung fliegt!
Irgendwann schoß einer von den (nach Meinung meiner Mitgucker) Guten den Ball gegen den Pfosten des gegnerischen Tores, was dem Schützen (der es zum Glück nicht hören konnte) den Spruch einbrachte, dass er selber ein Pfosten sei. Ich merkte an, dass es viel schwieriger ist den Pfosten zu treffen als das Tor und dass es dafür eigentlich Extrapunkte geben müsste, woraufhin ich erneut als in sportlicher Hinsicht unmusikalisch bezeichnet wurde.
Es ist doch aber so: Diese Leute, die schon als Kinder Fußball geguckt haben, sind total betriebsblind, da ist es doch gut und wichtig, dass sich das ab und zu mal ein Außenstehender anguckt und Verbesserungsvorschläge macht.

(Soviel Liebe. Ich glaube, es wird Frühling!)
Das Schlimmste am Fußballspiel war überraschenderweise nicht das Spiel selbst, sondern die Halbzeitpause. Denn in der lief das Heute-Journal. Wie alle Heute-Sendungen eine unfassbar peinliche Veranstaltung. Dieses Studio, diese eine Moderatorin, diese penetrante Werbung für die Heute-App, diese albernen Animationen und Moderationen … unfassbar. Das Anpreisen der Heute-App, das gefühlte 17% jeder Heute-Nachrichten-Sendung ausmacht, wurde allerdings weggelassen – das übernahm der Spielkommentator während des Spiels.

Kommen wir nun zu etwas Erfreulichem (eine Überleitung, wie sie das Heute-Moderationstexterteam nicht besser hinbekommen hätte): Meinem neuen und meinem neuen alten Buch. Mit aller gebotenen Unbescheidenheit möchte ich auf folgende Rezensionen hinweisen:
“Nach diesem Band möchte man Volker Strübing mit irgendetwas ehren (…) oder ihm eine eigene Sendung geben” - WDR 1live über Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals
“Das gibt der Geschichte eine farbige Leichtigkeit, die die eigentlich bittere Gesellschaftskritik unter der Handlung stellenweise kaschiert. Nicht immer. Zum Glück. Wer flache Action will, ist bei Strübing falsch. Der wünscht sich eine Menge mehr von seinen Leserinnen und Lesern. Humor natürlich, die Fähigkeit zum Lachen und zum Entsetztsein. Das Buch liest sich 2013 wahrscheinlich noch viel aktueller als 2005.” – Die Leipziger Internetzeitung über Das Paradies am Rande der Stadt

Wer das eine oder das andere oder besser noch: das eine und das andere Buch erwerben und eine Widmung oder Unterschrift drin haben will, der schreibe mir bitte ein Email, dann schicke ich es. Es kostet nichts extra außer evtl. ein bisschen Geduld.
Wer sich engageren möchte: am 14. April um 16 Uhr in der Baiz findet das 2. Vorbereitungstreffen für die Demonstration anlässlich des Internationalen Kampf- und Feiertages der Arbeitslosen am 2. Mai statt. Wir brauchen jede Menge Menschen, die mit machen, denn Roboter gibt es noch zu wenige.
Andreas Krenzke